Nachhaltigkeitsbericht 2010

Verantwortung in Lieferketten

Ob Kaffee oder Gebrauchsartikel: Tchibo setzt sich in seinen Lieferketten für die Bedürfnisse von Mensch und Umwelt ein.

Stärken stärken – durch Dialog und Partizipation

Wie Tchibo Beschäftigte in Fabriken befähigt, selbst für bessere Arbeitsbedingungen einzutreten.

Weg vom erhobenen Zeigefinger, hin zu partnerschaftlicher Zusammenarbeit – das ist das Konzept von WE (Worldwide Enhancement of Social Quality). Ziel des Schulungsprogramms ist es, die sozialen Standards in asiatischen Produktionsstätten dauerhaft zu verbessern. Das Besondere: Mit WE bringt Tchibo Manager und Beschäftigte aus den Betrieben an einen Tisch, um gemeinsam Lösungen für faire Arbeitsbedingungen zu erarbeiten.


Das WE Projekt haben wir im September 2007 in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gestartet und bei 40 Produzenten in China, Bangladesch und Thailand umgesetzt. Das Ziel: einen innovativen Qualifizierungsansatz zu testen und weiterzuentwickeln, der zu dauerhaften Verbesserungen auf Fabrikebene führen soll. Das Innovative daran: Statt lediglich von außen auf Missstände hinzuweisen, befähigen wir Beschäftigte und Manager aus asiatischen Produktionsstätten dazu, die Arbeitsbedingungen ihrer Betriebe von innen heraus zu verbessern.

Lösungen gemeinsam erarbeiten – und nachhaltig umsetzen

Über einen Zeitraum von zwei Jahren werden Produzenten zu Themen wie Arbeitssicherheit, Kinderarbeit, Löhne oder Überstunden geschult. Die Anleitung vor Ort leisten lokale Trainer, die für ihre Aufgabe eigens ausgebildet und für die Dauer des Projekts von internationalen Beratern begleitet werden. Die lokalen Trainer sind mit der Kultur der jeweiligen Region vertraut und sprechen die gleiche Sprache wie die Lieferanten.

Im Mittelpunkt des Schulungsprogramms steht der Dialog auf Augenhöhe: Bei Workshops und Betriebsbesuchen lernen Manager und Beschäftigte, wie sie am Arbeitsplatz besser miteinander kommunizieren, Herausforderungen angehen und Probleme gemeinsam lösen können. Vor allem den Beschäftigten in den Fabriken wird dadurch eine Stimme gegeben – sie werden befähigt, ihre Verbesserungsvorschläge angstfrei zu äußern und gemeinsam mit ihren Vorgesetzten an deren Verwirklichung zu arbeiten.

Positive Veränderungen für alle Seiten

Der im WE Projekt angestoßene Dialog schafft Vertrauen. Auf allen Seiten entstehen Wunsch und Wille, nach einer guten Lösung für alle Beteiligten zu suchen. Daraus resultieren zum einen bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Zum anderen wirkt sich die steigende Zufriedenheit der Beschäftigten auch positiv auf die Produktivität, die Produktqualität sowie die Innovationsfähigkeit der Betriebe aus – eine Win-win-Situation für alle Seiten.

Unsere Einkäufer nehmen an dem Prozess teil

WE bringt aber nicht nur Beschäftigte und Manager von Fabriken an einen Tisch: Das Projekt bietet auch eine Plattform für den Austausch zwischen Handelsunternehmen und Lieferanten. Dies ist von großer Bedeutung, denn Einkäufer, Qualitätsmanager und Produktentwickler treffen oftmals Entscheidungen, die wesentliche Folgen für die Arbeitsbedingungen in den Produktionsbetrieben haben können.

Ein Beispiel: Werden Designvorgaben von Produkten aufgrund von modischen Trends kurzfristig verändert, muss der Lieferant gegebenenfalls neue Materialien oder Applikationen für ein Produkt bestellen. Damit kann sich auf Lieferantenseite die Produktionszeit verkürzen. Je nachdem, wie viel Puffer der Lieferant eingeplant hat und wie ausgelastet seine Kapazitäten auch durch andere Handelskunden sind, kann das zu Überstunden für die Beschäftigten in der Fabrik führen. Eine Folge, an der niemand Interesse haben kann.

Um die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf die Produktion zu verstehen, nehmen unsere Einkäufer daher an den vor Ort stattfindenden WE Workshops teil. Darüber hinaus sind auch lokale Regierungsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften für die Teilnahme am Programm zugelassen, da sie die Umsetzung von Sozialstandards ganz wesentlich befördern können.

Offener Dialog mit allen relevanten Anspruchsgruppen

Neben den Workshops und Betriebsbesuchen haben wir in den Jahren 2009 und 2010 Stakeholder-Konferenzen in Bangladesch, Thailand und China sowie im Jahr 2010 in Deutschland durchgeführt. Bei den Veranstaltungen konnten Vertreter von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Handelsunternehmen und WE Produzenten in einen offenen Dialog treten und potenzielle Partner für die zukünftige Ausweitung des Programms identifiziert werden. Darüber hinaus haben wir wertvolle Rückmeldungen für die Weiterentwicklung des WE Projektansatzes erhalten.

Wie WE wirkt

Im August 2010 wurde die Pilotphase des Projekts abgeschlossen. Seit dem Start von WE im September 2007 haben wir mit 18 Trainern und 40 Produktionsstätten in China, Bangladesch und Thailand zusammengearbeitet. Der innovative Ansatz hat sich dabei bewährt. Die Wirksamkeit des Dialogansatzes wurde in einer externen Analyse überprüft – und bestätigt: Das Üben der Dialogmethodik und der Aufbau von Dialogstrukturen in Fabriken steht in einem direkten Zusammenhang mit verbesserten Arbeitsbedingungen – auch im Hinblick auf Löhne, Überstunden, Diskriminierung und Mitbestimmung von Beschäftigten sowie ihrer Interessenvertreter in den Betrieben. Positive Auswirkungen auf ökonomische Messgrößen, wie Mitarbeiterfluktuation, Unfallraten, Produktivität und Qualität wurden ebenfalls festgestellt. Darüber hinaus berichten die Produzenten von einer deutlichen Verbesserung ihrer ökonomischen Effizienz. Außer von den positiven Effekten auf Fabrikebene profitieren wir zudem vom direkten Austausch mit den Produktionsstätten. Bei den Treffen vor Ort gewinnen wir Einblicke, die wir für die Verbesserung des Managements unserer eigenen Lieferkette nutzen können – so dass Aufträge zukünftig noch reibungsloser abgewickelt werden können.

Sun Ying

Trainerin aus China

„Im WE Projekt habe ich gelernt, Lösungen nicht vorschnell vorzu­geben, sondern die Teilnehmer anzuleiten, diese eigen­ständig zu erarbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Ansatz zu belast­baren Verbes­se­rungs­maß­nahmen in den Betrieben führt – denn sie beruhen auf gemeinsam getrof­fenen Entschei­dungen aller Betei­ligten.“

Grenzen des Ansatzes

Gleichzeitig mussten wir jedoch auch feststellen, dass uns bisher kein Durchbruch bei der Durchsetzung existenzsichernder Löhne und von Gewerkschafts- und Tarifverhandlungsfreiheit gelungen ist. Hieran werden wir weiter arbeiten.

Mit WE in die Zukunft

Auch nach Abschluss der Pilotphase geht WE weiter: Wir haben bereits 42 weitere Produktionsstätten in China und Bangladesch für das innovative Schulungsprogramm gewonnen und acht neue lokale Trainer in China ausgebildet. Außerdem streben wir gemeinsam mit der GIZ an, noch weitere Unternehmen und Organisationen in das Programm einzubinden und den Ansatz einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen – so kann WE in Zukunft national und international Standards setzen.

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