Herausforderungen angehen – gemeinsam statt im Alleingang
Wie sich Tchibo mit allen relevanten Stakeholdern austauscht.
Bei der Implementierung von Sozialstandards in der Lieferkette stoßen Tchibo und andere Akteure oft an dieselben Grenzen. Einige der Herausforderungen kann Tchibo als einzelnes Unternehmen nicht bewältigen. Denn sie stehen in einem größeren Zusammenhang und entziehen sich dem alleinigen Einflussbereich von Tchibo. Untätig bleiben wir dennoch nicht. Stattdessen suchen wir den intensiven Dialog mit allen relevanten Stakeholdern – auch über unsere eigene Lieferkette hinaus.
Eingefahrene Strukturen, informelle Netzwerke, Unverständnis: Tchibo und andere große Handelsunternehmen stoßen in Produktionsbetrieben oft auf dieselben Barrieren, wenn es um die Einführung internationaler Sozialstandards geht. Der Grund: Einige Problemstellungen – etwa die Durchsetzung von existenzsichernden Löhnen oder der Gewerkschafts- und Tarifverhandlungsfreiheit – sind verknüpft mit übergeordneten makroökonomischen und politischen Aspekten und Interessen. In diesen Fällen müssen Veränderungen zwischen allen relevanten lokalen und internationalen Akteuren Schritt für Schritt verhandelt werden. Deshalb engagieren wir uns in Multistakeholder-Organisationen – zum Beispiel in der Ethical Trading Initiative (ETI), beim Runden Tisch Verhaltenskodizes, im Rahmen unserer Mitgliedschaft bei Social Accountability International (SAI) sowie im UN Global Compact.
Voneinander lernen, gemeinsam vorankommen
Um Veränderungen voranzutreiben, müssen wir und unsere Stakeholder aus Erfahrungen lernen. In einem intensiven Dialog machen wir unsere Programme gegenüber allen relevanten Stakeholdern transparent und setzen uns gemeinsam mit ihnen kritisch darüber auseinander. Davon profitieren alle Seiten: Wir lernen, wo wir unsere Programme noch weiter verbessern können. Im Gegenzug machen wir externen Anspruchsgruppen wertvolles Wissen über die Realitäten in den Fabriken „aus erster Hand“ zugänglich und teilen unsere Methoden und Erfahrungen mit ihnen. So kann sich der Diskurs über und damit die Implementierung von Sozialstandards insgesamt weiterentwickeln.
Nicht über, sondern mit Betroffenen sprechen: die WE Stakeholder-Konferenz 2010
Ein Beispiel für unsere Bemühungen in diesem Bereich ist etwa die WE Stakeholder-Konferenz, die vom 9. bis 10. Juni 2010 in Berlin stattfand. Nach einer zweieinhalb-jährigen Implementierungs- und Lernphase gaben wir mit dieser Veranstaltung allen Stakeholdern die Möglichkeit, über unser Lieferantenqualifizierungsprogramm WE und die Ergebnisse zu diskutieren. Unter den Teilnehmern waren unter anderem Vertreter von Unternehmen, Gewerkschaften, Beratungsfirmen, Multistakeholder-Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und sonstigen Interessengruppen.
Alle Teilnehmer setzten sich intensiv mit dem Status quo, den Zukunftsperspektiven, den Erfolgen und den Grenzen des WE Programms auseinander. In Arbeitsgruppen suchten Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen gemeinsam nach Lösungen für konkrete Fragestellungen und erarbeiteten Strategien, wie Sozialstandards zukünftig noch wirksamer umgesetzt werden können. Das Besondere: Auch Beschäftigte und Manager aus sieben Betrieben sowie WE Trainer aus Bangladesh, China und Thailand waren zu Gast und berichteten ausführlich über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Qualifizierungsprogramm. So entspricht der WE Stakeholder-Dialog ganz unserem Grundsatz: nicht über Betroffene sprechen, sondern mit ihnen. Die Ergebnisse der zweitägigen Konferenz bilden eine wertvolle Grundlage für die Weiterentwicklung von WE sowie für die Implementierung von Sozialstandards generell.
Zentrale Herausforderungen: existenzsichernde Löhne und Gewerkschafts- und Tarifverhandlungsfreiheit
Das Recht auf Gewerkschafts- und Tarifverhandlungen sowie auf existenzsichernde Löhne durchzusetzen, ist eine große Herausforderung. Über unsere Mitgliedschaften in verschiedenen Gremien und Initiativen können Aktionen im Interesse ihrer Wirksamkeit gebündelt werden.
So konnte durch eine gemeinsame Protestnote verschiedener internationaler Handelsunternehmen die Regierung von Bangladesch nach langem Zögern dazu bewegt werden, die gesetzlichen Mindestlöhne für Textilarbeiter anzuheben. Der nun gezahlte Lohn entspricht zwar – gemessen an den Forderungen der lokalen Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften bzw. der Asia-Floor-Wage-Kampagne (AFW) – immer noch nicht einem existenzsichernden Niveau. Allerdings stellt die Lohnanhebung einen ersten Schritt in die richtige Richtung dar.
Ethical Trading Initiative (ETI)
Seit März 2010 sind wir sogenanntes Foundation-Mitglied der Ethical Trading Initiative (ETI). Bei Aufnahme in die ETI erhalten Unternehmen in den ersten zwei Jahren der Mitgliedschaft einen Einsteigerstatus, der nach Ablauf dieser Zeitspanne mit dem ersten Jahresbericht überprüft und dann – bei Eignung – in eine Vollmitgliedschaft überführt wird.
Das Gremium aus über 60 Unternehmen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen will gute Beispiele für die Umsetzung von Kodizes zu fairen Arbeitspraktiken ausarbeiten und verbreiten. Gemeinsam gehen die Mitglieder Themen an, die von einzelnen Unternehmen im Alleingang nicht bewältigt werden können. Wir engagieren uns mittlerweile in zahlreichen Arbeitsgruppen der ETI, beispielsweise im „China Forum“, im „Good Workplaces Programme“ sowie im „Living Wage Programme“.
Runder Tisch Verhaltenskodizes
Seit 2007 engagieren wir uns beim Runden Tisch Verhaltenskodizes. Ziel des deutschen Forums ist es, die Umsetzung von Arbeits- und Sozialstandards in Entwicklungsländern zu fördern. Die Teilnehmer des Runden Tisches Verhaltenskodizes unter Federführung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sind Unternehmen, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Bundesministerien.
Social Accountability International (SAI)
Social Accountability International (SAI) ist eine Multistakeholder-Initiative, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt und zu diesem Zweck einen international anerkannten Standard für Sozialmanagementsysteme entwickelt hat – den SA8000. Wir sind seit 2006 Beiratsmitglied und nehmen darüber hinaus am Corporate Involvement Program (CIP) von SAI teil. Nach dessen Vorgaben lassen wir unser eigenes Sozialprogramm regelmäßig auf Wirksamkeit und Verbesserungsmöglichkeiten überprüfen.
UN Global Compact
Am 18. November 2009 sind wir dem Global Compact der Vereinten Nationen (UN) beigetreten. Der UN Global Compact vernetzt auf internationaler Ebene Unternehmen, Politik, Arbeitnehmerorganisationen und Zivilgesellschaft. Ihr gemeinsames Ziel ist es, Grundwerte auf dem Gebiet der Menschenrechte, der Arbeitsnormen, des Umweltschutzes und der Korruptionsbekämpfung im Arbeitsalltag der Wirtschaft zu verwirklichen. Mit unserem Beitritt bekennen wir uns zu den zehn Prinzipien des UN Global Compact sowie zu deren Berücksichtigung in unseren Geschäftsprozessen.
